von ANJA BÜHNEMANN
WINTERTHUR – «Ganz schön luut, das Züüg», befand
eine Verkäuferin in der Marktgasse, als die Stadtharmonie Eintracht
Winterthur Töss um 13 Uhr unter den weit geöffneten Fenstern ihres
Geschäfts zu spielen anhob. Drinnen mischten sich die Töne der
Bläser und Perkussionisten mit den Klängen aus der
Musikberieselungsanlage zu einem abstrusen Kauderwelsch, doch die
Fenster schliessen mochte sie keinesfalls. Waren viele
Wochenendshopper noch eilig an dem Korps vorbeigehastet, während
dieses Aufstellung nahm, so änderte sich das Bewegungsbild rasch,
als die Spieler richtig in Fahrt kamen. Vor allem Kinder waren nicht
mehr wegzubewegen, zeigten mal hier, mal dorthin, stellten Fragen
und freuten sich, wenn sie auf dem Arm des Papas im Takt der
fetzigen Musik auf- und abwippen konnten.
Eine Dreiviertelstunde lang präsentierten sich an
diesem Samstagmittag zwölf Musikvereine an neun verschiedenen Orten
der Stadt mit einem kleinen Ausschnitt aus ihrem grossen Repertoire.
Gemeinsam mit den Flohmärktlern genossen sie das schöne Wetter, und
genau wie jene hatten sie auch mit dem Wind zu kämpfen, gegen dessen
launische Böen nur ein paar zusätzliche Wäscheklammern als
Notenbefestigung halfen. Bis kurz vor zwei Uhr hallten die Gassen
von gleissenden Trompeten und trommelharten Rhythmen wider,
kapitulierten andere Strassenmusiker vor der übermächtigen
Konkurrenz. Doch dann hiess es, hurtig zum Bahnhofplatz zu eilen, um
den Start des Marschmusikdefilees nicht zu versäumen.
Arena der Marschmusik
Während einer guten halben Stunde verwandelte
sich nun die Stadthausstrasse in eine Arena der Marschmusik. Der
Tambourenverein der Stadt fegte vorneweg und lockte binnen Kürze
viel neugieriges Volk an den Strassenrand. Anerkennender Applaus
begleitete die vorbeimarschierenden Gruppen, von denen die
Winterthurer Stadtmusik mit ihrer prächtigen Fantasieuniform
wahrscheinlich den ersten Preis in der Kategorie Tenü bekommen
hätte, wenn es sich bei diesem Musiktag in irgendeiner Weise um
einen Wettbewerb gehandelt hätte. Als einzige Dirigentin schritt
Cornelia Weber den musikalisch vereinigten Korps von Blaukreuzlern
und Heilsarmee voran, bemerkenswert für eine Position, bei der noch
immer Männer stark tonangebend sind. Die Letzten im Defilee, doch
keinesfalls als Schlusslicht zu verstehen, waren der Musikverein
Seen sowie die Musikgesellschaft «Edelweiss», Wülflingen. Gemeinsam
hatten sie sich der anspruchsvollen Präsentation von Evolutionen
verschrieben. Hierbei handelt es sich weniger um vererbbare
Genmerkmale als vielmehr um das Figurenlaufen während des
Musizierens. Mit der kurzweiligen Darbietung ihres Strassenballetts
und dem exquisiten Mix aus dunkelgrünen und violetten Uniformen
bildeten sie ohne Zweifel den Höhepunkt des Defilees.
Anschliessend startete im Kirchgemeindehaus an
der Liebestrasse der Festbetrieb, wo Getränke und Würstchen gereicht
wurden und der Musik weiterhin gefrönt wurde. Die Darbietungen des
Gastvereins aus Deutschland dürften nicht zuletzt auch wegen der
launigen Ansagen seines Vorstandsvorsitzenden im Gedächtnis haften
bleiben. Der Musikverein Heitersheim, zwischen Basel und Freiburg im
Breisgau beheimatet, hat in Thomas Höfler einen ebenso charmanten
wie dialektal eloquenten Redner.
Nachwuchs findet Gehör
Auch der Winterthurer Nachwuchs verschaffte sich
mit dem Auftritt der an der Jugendmusikschule Winterthur und
Umgebung beheimateten «Beginners Band» und «Wind Band» selbstbewusst
Gehör. Dem Musikverein Oberwinterthur in Gemeinschaft mit der
Verkehrspersonalmusik oblag es schliesslich, nach einem kleinen
Konzert die Veteranenehrung zu umrahmen, bevor der Städtische
Musiktag mit dem Gesamtchor unwiderruflich zu Ende ging.